Zwischen Schieferboden und Pfälzer Höhenluft: ein Gespräch mit Jürgen Graf vom Weingut Graf von Weyher

Fotograf: Björn Kray Iversen

Die Rhein-Neckar-Region und die benachbarfte Pfalz verbindet eine tiefe Leidenschaft für gute Lebensmittel und hervorragenden Wein. In der Reihe „Winzer der Region“ geht es heute ein ganzes Stück hoch hinaus. Das Ziel ist das malerische Weindorf Weyher, das sich idyllisch direkt an den Rand des Pfälzerwaldes schmiegt. Mit seinen 267 Höhenmetern und dem dazugehörigen Panoramablick befindet man sich in Weyher sozusagen “über den Dächern der Pfalz”.

Genau hier liegt das traditionsreiche Weingut Graf von Weyher, dessen Ursprünge auf das Jahr 1788 zurückgehen. Die Weinberge des Betriebs rund um den Weyherer Michelsberg sind international berühmt , weil sie von einer echten geografischen Besonderheit profitieren: Kühle Höhenluft trifft hier auf sehr karge, von Schiefer und Granit geprägte Böden. Auch Buntsandstein und Kalkmergel vereint das Weingut auf seinen 16 Hektar Anbaufläche. Diese in der Pfalz seltene Kombination von vier verschiedenen Böden zeichnet das Weingut Graf von Weyher aus, denn diese vier getrennt gekelterten Terroirs verleihen den Weinen eine enorme Frische und eine markante, unverwechselbare Mineralität.

Jürgen Graf als Weinbetriebswirt mit internationaler Ausbildung und Erfahrung leitet die Geschichte des Weinguts. Sein Bruder und Winzer Peter (Auszeichnung Bester Jungwinzer 2017/18) verantwortet die Qualität im Keller, während Seniorchef Otmar den Fokus auf die persönlichen Kundenkontakte setzt. Gemeinsam führen sie das historische Erbe seiner Vorfahren mit großem Respekt vor der Natur weiter. Gleichzeitig bringen sie ein sehr feines Gespür für eine moderne und klare Weinstilistik mit in den heimischen Weinkeller, sodass das Weingut mit großer Regelmäßigkeit besondere Auszeichnungen für die Qualität seiner Weine erhält, z.B. “Beste Kollektion”, ausgezeichnet von der DLG-Bundesweinprämierung.

Das spannende Zusammenspiel aus langer Tradition kombiniert mit modernsten Ansätzen, extremen Lagen und solidem Handwerk macht den Betrieb heute so faszinierend. Es ist der ideale Ausgangspunkt für ein Gespräch über prägende Böden, das wärmer werdende Klima und den perfekten Genuss im Glas.

Der unverkennbare Graf-Stil

Rhein-Neckar Insider:

Das Weingut Graf von Weyher ist bekannt für seine kühlen Höhenlagen und die seltenen Schieferböden. Wie stark prägt dieser spezielle Untergrund den Charakter Ihrer Weine im Alltag? Und wie würden Sie einem Weinneuling den typischen und unverkennbaren „Graf-Stil“ im Glas beschreiben?

Jürgen Graf vom Weingut Graf von Weyher:

“Jeder unserer Terroir-Weine schmeckt vollkommen unterschiedlich, weil der Boden den Geschmack der Traube stark beeinflusst. Wer die Unterschiede das erste Mal genießt, wird kaum glauben, dass alle vier Weine von der gleichen Rieslingrebe stammen. Weil die Rieslingrebe so überaus sensibel auf ihre Umgebung reagiert, nennen wir sie auch gern “Drama Queen”.

Doch übergreifend kann man sagen, dass die Rieslinge aus unserem Haus sehr sauber und kristallklar kultiviert sind. Das bedeutet, dass die echte Quintessenz der Traube durch die Lagerung in Edelstahl komplett erhalten bleibt und nicht von anderen Aromen überlagert wird. So entstehen Weine, die ein sehr klares Aroma gepaart mit einem leichten Prickeln und einer besonderen Frische im Gaumen präsentieren. So zeichnen sich die Rieslinge von unserem Weingut Graf von Weyher aus.

Darüber hinaus bieten wir auch Weine an, die in Barriquefässern gereift sind, wie z.B. unseren Saint Laurent, einen würzigen Rotwein, und – etwas ungewöhnlicher – auch Weißweine, wie unseren Chardonnay, die bei unseren Kunden ausgesprochen beliebt sind und schon mehrere Preise gewonnen haben.”

Das historische Erbe bewahren

Rhein-Neckar Insider:

Der Name Graf von Weyher steht für eine sehr lange und stolze Familiengeschichte im Pfälzer Weinbau. Wie schaffen Sie bei der täglichen Arbeit den Spagat, dieses historische Erbe zu bewahren und gleichzeitig moderne, innovative Wege im Keller und im Weinberg zu gehen?

Jürgen Graf vom Weingut Graf von Weyher:

“Wir sind überzeugt, dass ein Weingut, das heute Bestand haben will, ausgesprochen innovativ arbeiten und auch mal ungewöhnliche, ja, verrückte Ideen ausprobieren muss.

Daher haben wir uns auch sofort bereiterklärt, den Versuchsanbau für den ersten Piwi (pilzwiderstandsfähigen) Wein überhaupt zu übernehmen. Wir waren somit eines der drei ersten Weingüter weltweit, welches die Rebsorte, die heute unter dem Namen Cabernet blanc bekannt ist, im Jahr 2003 im ersten Feldversuch anbauen durfte. Für uns war das eine Ehre und gleichzeitig spannender als ein Krimi!

Mit großem Erfolg: Der Cabernet blanc benötigt 70 bis 90% weniger Pflanzenschutzmittel als andere Rebsorten – und was genauso wichtig ist – er schmeckt hervorragend, mit einem gewissen südländischen Hauch, sodass er neben den Terroir-Weinen heute zu den Bestsellern in unserem Weingut gehört. Zusätzlich haben wir für diese Leistung mehrere Jahre in Folge den Preis “Pionier der Nachhaltigkeit” erhalten.

Gleichzeitig sind wir unseren Wurzeln stark verbunden und peppen sie durch ungewöhnliche Konzepte auf. So verbinden wir unseren historischen Standort und unsere Scheune von 1609 mit moderner philippinisch-kanadisch-pfälzer Fusion-Küche, die unsere Gäste im Gutsausschank, im Winzergarten und bei den Weinproben immer wieder begeistert.”

Weinbau im Wandel des Klimas

Rhein-Neckar Insider:

Die heißen Sommer bereiten vielen Winzern große Sorgen. Ist Ihre kühle Höhenlage direkt am Waldrand in Zeiten des spürbaren Klimawandels momentan ein entscheidender Vorteil für Sie? Und wie passen Sie die Pflege der Reben konkret an diese neuen und warmen Bedingungen an?

Jürgen Graf vom Weingut Graf von Weyher:

“Ja, durch die Winde am Fuße des Pfälzer Waldes rund um den Blättersberg ist es in Weyher etwas kühler. Dazu kommt ein weiterer Vorteil: Durch das Wasser, das vom Berg kommt, gibt es eine gewisse Grundwasserführung, über die sich die Reben selbst versorgen. Doch in den kargeren Ebenen müssen wir die Lage genau beobachten und überlegen aktiv, inwiefern eine Bewässerung in der Zukunft ggf. sinnvoll sein kann.

Viel Wichtiger ist jedoch der bereits erwähnte strukturelle Wandel auf Weinsorten, die von sich aus robuster sind und auch mit extremen Wetterlagen besser umgehen können. Da ist der Cabernet blanc, unser Pionieranbau im Bereich der Piwi-Weine, eine ausgezeichnete Entscheidung gewesen, denn er widersteht nicht nur dem Mehltau sonder hält auch Trockenzeiten viel besser aus als z.B. der Riesling.”

Der perfekte Tropfen zum Essen

Rhein-Neckar Insider:

Die Rhein-Neckar-Region und die Pfalz sind ein echtes Paradies für Feinschmecker. Welchen Wein aus Ihrem aktuellen Sortiment holen Sie sich abends am liebsten selbst aus dem Keller? Und welches klassische, regionale Gericht passt Ihrer Meinung nach absolut perfekt zu diesem Tropfen?

Jürgen Graf vom Weingut Graf von Weyher:

“Das kommt auf den Genussmoment an. Unser Cabernet blanc ist großartig, vor allem, wenn er ein paar Jahre gereift ist. Er passt sensationell gut zu Fisch und Spargel.

Unser einfacher einstiegs-Riesling ist unsere Wahl, wenn wir Pasta mit Sahnesoße und Hähnchenfleisch machen, denn die leichte Säure des Rieslings gibt das besondere Etwas dazu und kann sogar den Limettensaft / Zitronensaft ersetzen. Hier verwenden wir ihn gleich doppelt: Beim Kochen und im Glas.

Wenn wir die Fusionküche von Kristine’s Lamesa Catering, der Gastronomin auf unserem Weingut, genießen, kombinieren wir z.B. ihren sensationellen Saumagenburger mit mexikanischer Salsa mit unserem Riesling Kabinett Jahrgang 2024 – die leichte Restsüße des Rieslings komplementiert perfekt die Schärfe der Salsa-Soße.”

Der Blick in die Zukunft

Rhein-Neckar Insider:

Die Weinwelt bleibt nie stehen und entwickelt sich ständig weiter. Welche neuen Projekte oder vielleicht auch neuen Rebsorten stehen bei Ihnen aktuell im Fokus? Wenn Sie zehn Jahre in die Zukunft blicken: Wo sehen Sie das Weingut Graf von Weyher dann?

Jürgen Graf vom Weingut Graf von Weyher:

“Wir Winzer müssen langfristiger denken als die Wirtschaft generell … alleine die Entwicklung einer neuen Rebsorte dauert, wenn es gut läuft, dreißig bis vierzig Jahre. Daher ist ein Zeitraum von zehn Jahren aus oenologischer Sicht schon fast nahe Zukunft. Andererseits sind die aktuellen externen Umstände (Weltwirtschaft, internationale Steuerpolitik, Energiekrise etc.) gerade so wild im Wandel und schwer vorhersehbar, dass der Blick in die Glaskugel doch ziemlich trübe geworden ist.

Aber eins können wir sagen: Unser Fokus bleibt der kontrolliert umweltschonende Weinbau. Hierfür haben wir u.a. im letzten Jahr eine sehr aufwändige PV-Anlage gebaut, die einen großer Schritt in Richtung unserer energetischen Unabhängigkeit darstellt. Außerdem werden wir – aufbauend auf dem Erfolg des Cabernet blancs — den Anbau von Piwi-Sorten weiter umsetzen.

Zudem setzen wir uns gerade intensiv mit den Einsatzmöglichkeiten von KI-gesteuerten Maschinen auseinander. Dazu gehört u.a. eine flexible Spritze, die autark durch die Weinberge fährt, die Situation jeder einzelnen Reben bewertet und uns rechtzeitig alarmiert, wenn Handlungsbedarf besteht bzw. ggf. sogar selbst direkt handelt, indem sie nur punktuell gerade so minimal viel Pflanzenschutzmittel ausbringt wie unbedingt nötig. Das ist für uns echter Fortschritt – modernste Techniken nutzen, um unsere jahrhundertealte Weinkultur zu erhalten.

Zusätzlich halten wir die Augen auf und sind immer offen für neue Kooperationen und Entwicklungen. So können wir uns z.B. durchaus auch einen Versuchsanbau von einem Piwi-Rotwein vorstellen.

Wir sind überzeugt, dass erfolgreiche Winzer heute flexibel, technisch orientiert und kreativ sein müssen, wenn sie morgen noch bestehen möchten. Das ist ziemlich anstrengend, aber auch lohnend. Übrigens: Wer gern öfter bei uns hinter die Kulissen schauen möchte, findet regelmäßig tiefergehende Informationen rund um unser Winzerleben in unseren Newslettern und unserem Büchlein „WeinGeplauder“.”